Im längsten Tunnel der Welt hat es den
entscheidenden Durchstich gegeben. Die Schweizer setzen damit ein
Zeichen in der europäischen Verkehrspolitik. Bei den Nachbarn
Deutschland und Italien hakt es dagegen mit dem notwendigen Ausbau
des Güterverkehrs.
Von Jürgen Dunsch
15. Oktober 2010
Sissi hat es geschafft. Begleitet von einem großen Festakt tief
im Fels, räumte die nach der österreichischen Kaiserin benannte und
mehr als 400 Meter lange Tunnelbohrmaschine am Freitag die letzten
1,80 Meter Gestein weg und vollzog den Durchschlag für den neuen
Gotthard-Basistunnel. Hier, etwa auf der Höhe von Airolo im Tessin,
schreiben die Erbauer ein Stück Wirtschafts- und
Technikgeschichte.
Zur Inbetriebnahme in den Jahren 2016/17 wird die 57 Kilometer
lange Röhre der längste Eisenbahntunnel der Welt sein. Er
übertrifft den Seikan-Tunnel in Japan um vier und den Eurotunnel
unter dem Ärmelkanal um nahezu sieben Kilometer. Vor allem aber
schafft er nach der nun folgenden technischen Ausstattung und
Gleisverlegung eine schnelle Güterbahnverbindung zwischen den
Industriezentren der Niederlande und Deutschlands und dem
nördlichen Italien. Europa rückt ein weiteres Stück zusammen. Die
Schweizer als Volk der Bahnfahrer wiederum hoffen, die Verlagerung
der stinkenden Laster auf die Schiene vorantreiben und damit ihre
hartgeprüften Transitrouten entlasten zu können.
Dass die Bohrmaschine an die Kaiserin erinnert, ist
kein Zufall. Die mehr als 2000 Arbeiter, die sich durch den Berg
wühlen, stammen zu einem großen Teil aus Österreich. Neben
Einheimischen, Deutschen, Italienern und Portugiesen bilden sie den
Stamm hochqualifizierter Arbeiter, die sich auf den Tunnelbau
spezialisiert haben. Sie ziehen von Baustelle zu Baustelle, oftmals
in einer Familientradition von Mineuren stehend, wie diese
Spezialisten in der Schweiz heißen. Denn die Tätigkeit im Berg
verlangt Fachwissen und ist gefährlich. Vor allem aber ist sie
anstrengend. Hitze und Feuchtigkeit setzen den Männern zu, auch
wenn die 40 Grad im Gotthard auf 28 Grad herabgekühlt werden. Um so
mehr überrascht, dass viele der Leute mit dem gelben Helm in einem
fortgeschrittenen Alter stehen. Der 44 Jahre alte Philippe Singer
arbeitet seit acht Jahren am Gotthard. Er habe Respekt vor den
Unberechenbarkeiten des Gesteins, sagt er. Acht Arbeiter haben
bisher den Tod gefunden. Dennoch und trotz der familienfeindlichen
Wanderung von Projekt zu Projekt ist Singer stolz auf seinen Job.
„Die Tunnelarbeit werde ich nie aufgeben“, sagt er. Die
Technik-Stars im Gotthard sind die Tunnelbohrmaschinen des
deutschen Familienunternehmens Herrenknecht. Seit Januar 2003
bohren sie sich in den Berg.
Die „Luxuslösung für den Güterverkehr“
Damals kam schon nach 200 Metern der erste Schock. Die Arbeiter
trafen allen Vorabmessungen zum Trotz auf instabiles Gestein. Dies
verzögerte den Tunnelvortrieb ein halbes Jahr, da jeder Meter
aufwendig nachgesichert werden musste. So ging es weiter in den
kommenden Monaten und Jahren, auch wenn die sogenannte Piora-Mulde,
ein instabiler und wasserreicher Trichter zwischen Sedrun und
Faido, weit geringere Schwierigkeiten bereitete als befürchtet. In
Spitzenmonaten kamen die Bohrungetüme 700 Meter voran, in
schlechten nicht mehr als 140 Meter. Wenn sich die Maschinen im
Gestein festfraßen, bedeutete dies eine monatelange Verzögerung.
Neben Herrenknecht sind auch andere deutsche Unternehmen mit von
der Partie, etwa der Baukonzern Hochtief, die BASF Bauchemie oder
der Versicherungskonzern Allianz, der zusammen mit der Nationale
Suisse eine Bausumme von rund 6 Milliarden Franken oder umgerechnet
4,5 Milliarden Euro versichert hat.
Für das Projekt am Gotthard müssen zwischen Erstfeld und Bodio
gewaltige Gesteinsmassen bewegt werden. Der Aushub von 24 Millionen
Tonnen entspricht fünfmal der Menge der Cheopspyramide. Die
Arbeiten stellen auch eine logistische Herausforderung dar. Anders
als im bestehenden Bahntunnel weit oben, der vor 130 Jahren
durchbrochen wurde, liegt die höchste Stelle nur 550 Meter über dem
Meeresspiegel. Damit können Hochgeschwindigkeitszüge mit einer
Geschwindigkeit von 200 Kilometern in der Stunde durch das Bollwerk
zwischen Nord- und Südeuropa jagen. In erster Linie ist der
Basistunnel allerdings nicht für den Personen-, sondern für den
Güterverkehr gedacht. Rentieren dürfte er sich kaum, jährliche
Betriebsverluste sind nahezu sicher. Als „Luxuslösung für den
Güterverkehr“ bezeichnen denn auch Kritiker das Projekt. Das
Verkehrsministerium in Bern, dessen Minister Moritz Leuenberger
sich mit der Feier ein Abschiedsgeschenk zu seinem bevorstehenden
Abgang macht, stimmt indirekt zu. „Betriebswirtschaftliche
Überlegungen haben nicht die erste Priorität“, räumt der
Ministeriumssprecher ein. Vorrang habe der Verlagerungsauftrag der
Güter von der Straße auf die Schiene.
Das Stichwort Verlagerungsauftrag verweist auf jene politische
Weichenstellung, welche die Schweizer in der Volksabstimmung über
die „Alpeninitative“ 1994 billigten. So heißt es heute in der
Schweizer Verfassung: „Der Bund schützt das Alpengebiet vor den
negativen Auswirkungen des Transitverkehrs.“ In dem daraus
entstandenen Gesetz formulierte das Parlament eine Höchstzahl von
650.000 Lkw-Fahrten im Jahr, „welche möglichst rasch, spätestens
zwei Jahre nach Eröffnung des Lötschberg-Basistunnels erreicht
werden soll“. Der 34,5 Kilometer lange Lötschberg, das zweite große
Tunnelprojekt neben dem Gotthard, wurde 2007 eröffnet. Aber selbst
im Rezessionsjahr 2009 fuhren knapp 1,2 Millionen Brummis durch die
Schweiz. Im ersten Halbjahr 2010 waren es gut 600.000 – fast so
viele wie für das ganze Jahr gedacht. Im gesamten Jahr könnten es
1,3 Millionen und damit so viele wie 1999, dem Jahr der
Baubewilligung für den Gotthard, werden.
Entpuppt sich die Neuordnung des Verkehrs durch die Alpen in der
Schweiz, die unter dem Sammelbegriff Neue
Eisenbahn-Alpentransversale (Neat) läuft, als gigantische
Geldvernichtung? Gigantisch sind die Beträge in jedem Fall.
Insgesamt beläuft sich die Kostenschätzung für die Neat auf derzeit
24 Milliarden Franken (davon 13 Milliarden für die gesamte
Gotthardachse) oder umgerechnet 18 Milliarden Euro. Hier wie bei
den meisten großen Infrastrukturprojekten mussten die Kosten
gegenüber den Ursprungswerten deutlich nach oben revidiert werden.
Finanziert wird die Neat aus drei Quellen. Ungefähr zwei Drittel
zahlen die Spediteure über eine Lkw-Maut, die „leistungsabhängige
Schwerverkehrsabgabe“. Hinzu kommen Anteile an der Mineralölsteuer
sowie ein Promille aus der allgemeinen Mehrwertsteuer.
Für den Transport zu niedrig
Die strukturschwache Region zwischen Vierwaldstättersee und
Bellinzona kann von dem Neat-Projekt wirtschaftlich nicht viel
erwarten. Sie setzt ihre Hoffnungen in den Ägypter Samih Sawiris,
der in Andermatt ein riesiges Ferienzentrum mit Golfplatz, Hotel
und Luxuswohnungen baut. Umgerechnet mehr als 800 Millionen Euro
sollen auf den 1,4 Millionen Quadratmetern eines ehemaligen
Militärareals investiert werden. Darüber hinaus denkt Sawiris an
die Aufrüstung des nahegelegenen Skigebiets bei Sedrun. Dies hat
den alten Traum der „Porta Alpina“ im Berg unterhalb des Ortes
wiederbelebt. Dabei würde die geplante „Multifunktionsstelle“ der
Gotthard-Linie wiederum zu einem echten Tiefbahnhof ausgebaut und
würden die Passagiere mit einem 800 Meter langen Lift an die
Oberfläche befördert. Von dort wäre es nicht mehr weit bis zum
Sawiris-Resort. Aber ein Sprecher des Investors dämpft die wilden
Spekulationen: „Nur wenn Bund, Kantone und die Bahn die Porta
Alpina realisieren wollen, ist auch Sawiris zu einem Engagement
bereit“, lässt ein Sprecher verlauten.
Und trotz seiner Rekordlänge kann auch der Gotthard-Basistunnel
seine Verlagerungswirkung von der Straße auf die Schiene nur dann
entfalten, wenn weitere Bahnprojekte hinzukommen. Im anderen Fall
transportieren die Spediteure ihre Fracht weiterhin lieber auf
Lastwagen. Darunter leidet vor allem die Schweiz, die nach
Österreich und vor Frankreich die Last des Verkehrs in den Süden
trägt. Nur 2,5 Prozent Verlagerungswirkung durch den Gotthard
befürchtet der Verkehrsexperte Ulrich Weidmann von der
Eidgenössisch Technischen Hochschule in Zürich. Hinzu komme die
Tatsache, dass viele Tunnels in der Schweiz für den Transport
ganzer Lkw zu niedrig seien. Nächster wichtiger Verkehrsbaustein im
Land ist der Ceneri-Tunnel südlich von Bellinzona, der 2019
eröffnet werden soll. Weiter südlich in Italien tut sich derweil
nicht viel. Allerdings reichen die Kapazitäten nach Ansicht von
Fachleuten derzeit noch bis 2030.
Größtes Vorhaben: der Katzenberg-Tunnel
Ähnlich in Deutschland: Hier hakt der Ausbau der
Eisenbahnstrecke zwischen Karlsruhe und Basel, dies vor allem
südlich von Offenburg, wo sich Tausende von Anwohnern mit
Beschwerden und Protesten gegen die befürchtete Zunahme der
Lärmbelastung wehren. „Stuttgart 21“ lässt grüßen. Die Deutsche
Bahn will die Fertigstellung der erweiterten Rheintalstrecke
frühestens für 2019 zusichern. Größtes Vorhaben ist der
Katzenberg-Tunnel nördlich von Basel, mit 9,4 Kilometer Länge der
derzeit bedeutendste Tunnelbau in Deutschland. Vor diesem
Hintergrund hat eine Parlamentarierdelegation aus der Schweiz
kürzlich in Berlin gefordert, die Deutschen müssten vor der Grenze
eine großzügige Autoverladung auf die Bahn organisieren. Unbeirrt
hält sich zugleich der Gedanke einer Alpentransitbörse. Danach
würden die maximal 650.000 Fahrten im Jahr an die Meistbietenden
versteigert. Am Freitag stand aber die Feier des Durchstichs am
Gotthard im Vordergrund. Sie verband sich mit dem Stolz der
Schweizer auf das bisher größte Einzelprojekt in der europäischen
Verkehrsgeschichte. Da konnten sie fast vergessen, dass kein
Verkehrsminister der EU den Weg zu den Nicht-EU-Europäern in die
Alpen gefunden hatte. Die Minister gaben einem Routinetreffen in
Luxemburg den Vorzug.
© F.A.Z.
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Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, Bildagentur-online/TIPS-Images, dapd, dpa,
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